ich bin nicht faul!

sandhofer behauptete selbiges in einem Interview bei StieglitzMind. Ich habe aber ganz andere Gründe, warum ich nicht so oft schreibe, wie es gewünscht sein könnte. Wirklich! Ganz bestimmt!

Wenn die Wahl zwischen Lesen und Blog schreiben besteht, gewinnt immer das Lesen. Außerdem stelle ich mir beim Schreiben jedes Mal die Frage, warum ich das mache. Ich bin kein besonders guter Rezensionsschreiber. Mein extrem knapper Stil wurde schon wiederholt bemängelt. Und ich weiß nie, ob es überhaupt jemanden interessiert, was ich da zu sagen habe.

Bei einem Glas Wein oder Whisky macht das Diskutieren über Bücher außerdem viel mehr Spaß.

Schaut mal beim Projekt ORGASMUS vorbei. Das könnte alles ändern. ;-)

Normalerweise lasse mich mich nur selten zu  einer Rezension hinreißen. Aber Jim al-Khalilis Buch “Im Haus der Weisheit” hat es verdient, daß ich ein paar Zeilen darüber schreibe. Der Untertitel “Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur” umreißt schon klar und deutlich, worum es geht.

al-Khalili beschreibt den Aufstieg der arabischen Wissenschaften im 8. Jahrhundert und den Einfluß, den die antiken Wissenschaften dabei hatten. Er führt den Leser in die Wissenschaftszentren der damaligen Zeit und stellt berühmte und bedeutende Wissenschaftler vor. Wobei berühmt und bedeutend aus unserer europäischen Sichtweise nicht unbedingt immer das selbe sein muß. Auch beschreibt er, wie der Staffelstab an die Europäer in der Renaissance zurückgegeben wurde und danach die Entwicklung im arabischen Raum immer mehr stagnierte. Die Religion hatte wie immer dabei einen unrühmlichen Anteil. Das letzte Kapitel über die heutige Situation ist auch eine Aufforderung an die arabische Welt, sich ihrer Wurzel zu erinnern.

Einige der von al-Khalili genannten Namen hat man schon mal irgendwo gehört oder gelesen (z.B. Ibn Sina, al-Biruni). Aber diese konzentrierte Darstellung und der profunde Überblick über die verschiedensten Fachgebiete (Astronomie, Mathematik, Physik, Medizin, Philosophie) den er in dem Buch liefert, ergeben einen ganz anderen Blick auf die Wissenschaftsgeschichte und den Einfluß der arabischen Wissenschaften auf die europäische Welt.

Das Buch kann ich jedem, der nur ein wenig an Wissenschaftsgeschichte interessiert ist, wärmstens an Herz legen. Es liest sich flüssig, ist spannend, und trotzdem ist es keineswegs oberflächlich. Man merkt dem Ganzen deutlich an, daß die Vermittlung der umfangreichen und detaillierten Informationen al-Khalili ein äußerst wichtiges Anliegen ist.

Mich hat er erreicht. Ich hatte in dem Buch viele Aha-Erlebnisse. Und ich hoffe, daß es noch vielen anderen so gehen wird.

Bisher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Namen Rousseau irgendwo las. Rousseau gilt als wichtiger Vertreter der Aufklärung, und ich hatte immer noch nichts von ihm gelesen.

Nun las ich aber mittlerweile “Böse Philosophen” von Philipp Blom (eine etwas andere Geschichte über die Aufklärung) als auch “Wintzenried” von Karl-Heinz Ott (eine Romanbiographie über Rousseau). Und es drängt mich nun überhaupt nicht mehr, irgend etwas jemals von Rousseau zu lesen. Sicher, Bloms Buch ist sehr subjektiv gefärbt, und eine Romanbiographie ist keine echte Biographie, aber die wichtigsten Eckpunkte von Rousseaus Biographie bekommt man doch irgendwie mit. Und dazu gehören eine gehörige Portion Verfolgungswahn und Mißgunst auf seiten Rousseaus. Ein Psychologe hätte sicher seine helle Ftreude an ihm gehabt. Und sein Erziehungsratgeber ist sowieso mit Vorsicht zu genießen. Großspurig die anderen belehren wollen, aber die eigenen Kinder ins Kinderheim geben und dadurch bei den damaligen Verhältnissen einem frühen Tod überantworten.

Die Geistesgeschichte hat Rousseau bevorzugt. Meinetwegen. Ich werde trotzdem lieber Diderot, Holbach und la Mettrie lesen. Zum Glück kann ich mir aussuchen, welchem Spinner ich zuhöre. :-)

Wer mehr als 1 Dutzend ‘Gesamtausgaben’ besitzt, ist ein Charlatan ! – Oder aber : er hat sie nicht gelesen.

(Arno Schmidt “Die Gelehrtenrepublik”, BA I/2, S. 317)

Der Umblätterer versucht in seinem aktuellen Projekt, dem alten Sprichwort auf die Sprünge zu helfen. Er hat sich vorgenommen, 100 Bücher mit 100 Seiten zu lesen und auf seinem Blog zu bewerten. Das Nachfolgeprojekt, 1000 Bücher mit 1000 Seiten, wird aus meiner Sicht aber noch interessanter.

Bücher über Sprachwissenschaft bzw. Sprachgeschichte liest man ja eher selten. Aber “Deutsch. Biographie einer Sprache” von Karl-Heinz Göttert beweist, das das Thema keineswegs langweilig dargestellt werden muß.

Göttert führt den Leser durch die verschiedenen Epochen der Entwicklung der deutschen Sprache. Vom Beginn, der aufgrund mangelnder schriftlicher Nachweise schwer festzumachen ist, über das Alt- und Mittelhochdeutsche bis in unsere Gegenwart. Er zeigt, wie die deutsche Sprache, im Gegensatz z.B. zum Französischen, ohne Regulierungen und institutionelles Eingreifen sich entwickelt hat. Und er vergißt dabei auch nicht, auf die vollkommen mißglückte Rechtschreibreform zu verweisen. Interessant sind die Versuche, die deutsche Sprache von allem Fremden zu reinigen. Und das ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit! Schon Karl der Große wollte z.B. die Monatsnamen eindeutschen lassen.

Zu jeder Epoche gibt es Textbeispiele, die das Gesagte näher erläutern. Ein ausführliches Literaturverzeichnis verweist zu jedem Thema auf Primär- uns Sekundärliteratur.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Es war eines der Lesehighlights für dieses Jahr und hat mir Hinweise auf weitere Buch gegeben, die es wohl zu lesen lohnt.

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