27. Juni 2010
Den Geisteswissenschaften wurde es zum Verhängnis, daß sie ohne großen materiellen Aufwand betrieben werden können. Wenn die Eintreibung von Drittmitteln zum Qualitätskriterium einer Wissenschaft wird, wird der zum Versager, der solche Mittel gar nicht benötigt, weil ein Kopf zum Denken genügt. Ein kleines geisteswissenschaftliches Institut, das kaum mehr kostet als ein Professor und seine Assistenz, aber nur wenige Absolventen aufzuweisen hat, muß deshalb aus Kostengründen geschlossen werden; die paar hundert Millionen Euro, die für ein schlecht geplantes Technologieinstitut so nebenbei in den Sand gesetzt werden, fallen demgegenüber nicht weiter ins Gewicht.
(Konrad Paul Liessmann „Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“, S.125)
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...
27. Juni 2010
Es ist schon erstaunlich, daß Wissenschaftler, die noch vor ein paar Jahren glaubten, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch auf den Begriff bringen zu können, angesichts dummdreister Sprechblasen aus dem Jargon des New Management nahezu widerstandslos kapitulieren. Daß es niemand mehr auffällig findet, wenn Universitätslehrer zur Nachbesserung ihrer hochschuldidaktischen Fähigkeiten zu einer Unternehmensberaterin mit abgebrochenem Psychologiestudium geschickt werden, daß es niemand anstößig findet, wenn Kandidaten für eine Professur oder Assistentenstelle sich im Assessment Center produzieren müssen, daß niemand aufschreit, wenn die letzten Ladenhüter der Unternehmensideologien den Universitäten als der neueste Schrei verkauft werden – vom Blended Learning über Diversity Management bis hin zur »Wissensbilanz« -, sagt eigentlich alles über die Widerstandskraft der institutionalisierten Wissenschaft gegenüber dem Zeitgeist: Sie ist so gut wie nicht vorhanden.
(Konrad Paul Liessmann „Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“, S.122f.)
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...
22. Juni 2010
Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Haß auf die traditionelle Idee von Bildung. Daß Menschen ein zweckfreies, zusammenhängendes, inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen aufweisen könnten, das sie nicht nur befähigt, einen Charakter zu bilden, sondern ihnen auch ein Moment von Freiheit gegenüber den Diktaten des Zeitgeistes gewährt, ist ihnen offenbar ein Greuel. Gebildete nämlich wären alles andere als jene reibungslos funktionierenden flexiblen, mobilen und teamfähigen Klons, die manche gerne als Resultat von Bildung sähen.
(Konrad Paul Liessmann “Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft”, S. 52f)
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...
22. Juni 2010
Wissen kann deshalb nicht konsumiert werden, Bildungsstätten können keine Dienstleistungsunternehmen sein, und die Aneignung von Wissen kann nicht spielerisch erfolgen, weil es ohne die Mühe des Denkens schlicht und einfach nicht geht.
(Konrad Paul Liessmann “Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft”, S. 31)
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...
12. Juni 2010
Bibliomane werden nicht geboren. Sie entwickeln sich. Manchmal langsam. Manchmal schnell. Es kommt immer auch auf das Umfeld an.
In der Schule kann der erste Grundstein gelegt werden. 
Zu Hause oder in der Bibliothek findet sich dann andere spannende Lektüre. 
Später liest man dann immer häufiger klassische Literatur. 
Und im Laufe der Zeit sammeln sich ganze Werkausgaben an.
Man beginnt Zeitschriften über Bücher zu lesen und hat stets ausreichend Lesezeichen zur Hand. 
Und selbst der Wandkalender hat ein literarisches Thema.

Man liest Kataloge von Online-Anbietern, Antiquariaten und Auktionen und wird Mitglied bibliophiler Gesellschaften.

Natürlich dürfen Lexika (neue und alte) nicht fehlen.
Man liest Bücher anderer Leser und ihrer Erfahrung mit dem Lesen und den Büchern.
Im Laufe der Zeit kommen Literaturlexika und Literaturgeschichten dazu.
Um noch tiefer in die gelesen Werke einzusteigen, kauft man Interpretationen und Kommentare.
Und natürlich dürfen Biographien nicht fehlen.
Und damit ja keine Leseperle übersehen wird, gibt es Bücher mit Leseempfehlungen.
Dann dreht die Spirale sich immer weiter:
Bücher über Bücher
Bücher über das Sammeln von Büchern
Bücher über die Herstellung und Restauration von Büchern
und im Extremfall literarische Reiseführer und Bücher über einzelne Textelemente (Fußnoten , Vorworte etc.) 
Das ist dann der Moment, in dem Regale nicht mehr ausreichen,
man Bücher über die eigene Manie liest
und man definitiv ein Bibliomane ist. 
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...
10. Juni 2010
Buchhandlungen sind meine wichtigsten Orientierungspunkte in einer Stadt. Buchhandlungen habe ich immer sehr gern besucht. Ich liebe es, Bücher zu kaufen. Doch je mehr Bücher ich besitze, umso frustrierender wird der Besuch einer Buchhandlung. Aber warum?
Je mehr Bücher man besitzt, umso ausgefallener wird das Kaufverhalten. Einerseits, da man sich spezialisiert, und andererseits aus reinen Platzerwägungen. Komme ich heute in eine Buchhandlung, springen mir als erstes die Bestseller ins Auge. Die interessieren mich sowieso (fast) nie. Dann beginnt die Suche durch den ganzen Laden. Etage für Etage. Regal für Regal. Aber je erfolgreicher man bisher auf der Jagd war, umso erfolgloser wird jeder weitere Streifzug. Früher habe ich nie eine Buchhandlung ohne ein Buch verlassen. Meistens war die Beute sogar über mehrere Beutel verteilt. Nun kommt es immer häufiger vor, das ich nicht fündig werde. Es ist gut für den Platz im Haus und die Haushaltskasse, aber ich bin trotzdem niedergeschlagen. Es fehlt das Erfolgserlebnis.
Der Kauf bei Amazon kann das nicht komplett ersetzen. Es fehlen die haptischen, olfaktorischen und visuellen Reize der Bücherjagd. Jedes Buch jederzeit erwerben zu können, ist nur bedingt befriedigend.
Daher bin ich immer häufiger in der virtuellen Welt auf der Suche nach antiquarischen Büchern. Da muß man Ausgaben vergleichen, Preise checken, Erhaltungszustände bewerten. Da sind die Objekte der Begierde nicht wohlfeil dem Süchtigen zu Willen. Hier ist die Jagd noch eine Jagd. Ich hoffe, das wird noch lange so bleiben.
“Der wirkliche Liebhaber von Büchern muss sie gar nicht gelesen haben. Wichtig ist, dass man weiß: Es gibt dieses oder jenes Buch, und man hat es zur Verfügung – für die Zukunft.”
(Umberto Eco)
“Verrücktheit ist unendlich faszinierender als Intelligenz, unendlich tiefgründiger. Intelligenz hat Grenzen, Verrücktheit nicht.”
(Claude Chabrol)
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...