Nach meiner Augenoperation letztes Jahr pendelt sich mein Lesekonsum so langsam um die 3000 Seiten pro Monat ein. Das ist ungefähr doppelt so viel wie davor. Dafür haben sich die Schmerzen gelohnt.🙂

Zwei kürzliche Lektüren sind diesmal einer Erwähnung wert.

Ich habe letzte Woche den Armageddon-Zyklus von Peter F. Hamilton beendet. Eine Space Opera, die es in sich hat. 6000 Seiten. Viele ungewöhnliche Völker, Technologien und Ereignisse. Seelen kehren aus dem Jenseits zurück. Und Hamilton schafft tatsächlich den Dreh, das Ganze im Rahmen von Science Fiction zu erklären. Spannend bis zur letzten Seite. Mit einem 100-Seiten-Happy-End. Wer einen langen Atem hat, sollte da unbedingt mal reinschauen.

Und ich habe mal wieder einen ungewöhnlichen Krimi entdeckt – Steinroller: Der Steinzeit-Kommissar“ von Martin Lassberg (Hörprobe). Der Plot ist nichts besonderes. Eine Leiche. Die Suche nach dem Täter. Aber das Setting hat es in sich. Steinroller lebt als Höhlenmaler in einer Homo Sapiens Sippe und wird von seinem Vater zum BesserwisserKommissar befördert, um den Mörder zu finden. Die Geschichte stolpert durch Urwald und Tundra und nebenbei wird die eine oder andere Erfindung gemacht (z.B. das Taschenmesser, das Pfeifen, gefärbte Mini-Lendenschurze). Die Geschichte hat nicht unbedingt viel Tiefgang, aber die Seitenhiebe auf unsere Zeit machen die Lektüre unterhaltsam und kurzweilig. Und falls Otterfang je ein Kochbuch veröffentlicht, wird das bestimmt ein Renner in der Müsli-Szene.

Der Bibliomane auf Reisen folgt natürlich auch unterwegs seinen Bedürfnissen. Der Besuch einer Bibliothek gehört auf alle Fälle dazu. Diesmal verschlug es mich in die Stiftsbibliothek St. Gallen.

Berühmt ist sie hauptsächlich wegen ihres Barocksaales. Und genau das ist das Dilemma. Während der Führung wird auf die Deckengemälde, Heiligenbilder, Regale etc. verwiesen. Ja, aber, wir sind doch in einer Bibliothek. Was ist mit den Büchern? Da guckt außer Typen wir mir keiner hin. Die berühmten, wertvollen Werke sind da nicht zu finden. Das da ist eher Füllmaterial. Ich habe sogar eine Hegel-Ausgabe ausmachen können (lesen Mönche Hegel?).

Zum Glück ist da auch immer eine Sonderausstellung in den Vitrinen. Diesmal ging es um „Abracadabra – Medizin im Mittelalter“. Da schlug mein Herz schon höher.

Touristen sind wie überall auch hier das Übel. Zum Glück waren wir zeitig genug da. Aber als sich im Laufe der Zeit der Saal füllte, stand der Otto-Normal-Duchschnittstourist fasziniert zur bemalten Decke glotzend dem in die Vitrinen Schauenden jederzeit im Wege.

Ach, und noch eine Beobachtung. Auf Fotos wirkt der Saal viel größer als er letztenendes wirklich ist.

Trotz der Touristen und der nur eingeschränkten Möglichkeiten, die wirklich kostbaren Werke zu sehen, ist ein Besuch empfehlenswert.

Ich habe gerade eine Phase, in der ich verstärkt Tagebücher lese.

Da kam zuerst das „Galeerentagebuch“ von Imre Kertész. Ein Tagebuch zentriert nur um eine Person – Imre Kertész. Depression, Selbstmordgedanken, sein Schreiben. Das ist zwar verständlich, wenn man Kertész Geschichte in Betracht zieht. Aber der Zeitraum des Tagebuchs überdeckt historisch wichtige Ereignisse. Die, wenn überhaupt, mit einem Teilsatz Erwähnung finden. Was bleibt ist ein Ausbruch von Klagsamkeit.

Dann las ich „Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ von Michael Maar. Ein ausgewogenes und interessantes Potpourri von Tagebüchern beginnend  bei Pepys bis in die Gegenwart der Blogger.

Als Nächstes war „Kronos: Intimes Tagebuch“ von Witold Gombrowicz an der Reihe. Das war eigentlich nie zur Veröffentlichung gedacht (Gombrowicz schrieb für die Veröffentlichung ein anderes Tagebuch). „Kronos“ ist daher auch mühsam zu lesen. Sprunghaft, fragmentarisch. Zentriert um Geld, Krankheit und die Liste der Sexualpartner. Nur ab und zu mal eine kleine Perle – z.B. der erste Besuch bei Grass wird als langweilig charakterisiert.

Gestern habe ich nun „Leben und Schreiben: Tagebücher 1951 – 1962″ von Martin Walser begonnen. Die Zeichnungen und ein Großteil des Textes wirken wie die Ergüsse eines geistig Verwirrten. Wird hier geistige Tiefe durch Schwurbelei vorgetäuscht?

In Wartestellung sind desweiteren die Tagebücher von André Gide, Erich Mühsam, Klaus Mann und einigen anderen.

 

Raimund Fellinger hat dem Magazin der Süddeutschen Zeitung ein wunderbares, aufschlussreiches Interview gegeben. Unbedingt lesenswert!

Sience Fiction Leser mögen den Shayol Verlag kennen. Zum Beispiel verlegte er Werkausgaben bekannter SF-Autoren (Erik Simon, Angela & Karlheinz Steinmüller, Wolfgang Jeschke).

Nun gibt es den Shayol Verlag wohl nicht mehr. Die Website ist komplett veraltet. Im Netz findet man keine Informationen.

Aber die gute Nachricht ist, wenn jemand Bücher des Verlages sucht, bekommt er Hilfe bei der Otherland Buchhandlung in Berlin.

Ein schöner Artikel über Umberto Eco als Büchersammler.

Franz M. Wuketits ist eher für seine Publikationen auf dem Gebiet der Biologie und Evolutionstheorie bekannt. Mit dem Roman Mit Pessoa in den Baumarkt legte er sein erstes literarisches Werk vor.

Anton W. sieht sich selbst als Schöngeist. Nachdem er eine Altbauwohnung von seinem Oheim geerbt hat, kommen auf ihn ungewohnt Probleme zu. Ein Bild ist mit einem Nagel an der Wand zu befestigen. Ein Küchenschrank, der im Augenblick auf dem Boden steht, benötigt zwei Haken in der Wand, um aufgehangen zu werden. Und das Parkett im großen Zimmer muss abgeschliffen werden. An sich fast alltägliche Probleme, führen sie W. aus seiner Komfortzone heraus und lassen ihn fast daran zerbrechen. Nichts ist mehr so wie vor dem Besuch des Baumarktes.

Der Roman kommt in einer gesteltzten Sprache daher, die gut zu der Hauptperson passt, angereichert mit einer satten Portion Humor. Der eine oder andere Akademiker wird so manche Situation wiedererkennen.

Wuketits stellt sein Buch hier in einem kurzen Video persönlich vor.

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